Kastrierte Klangschönheit

Erschienen im Wiener Wissenschaftskompass.

Auch wenn die grausame Praktik passé ist, besonders begabten Knabensopranen die Hoden zu entfernen, erfreuen sich die kunstvollen Kehlkopfakrobatik-Arien der großen Kastraten à la Farinelli, Caffarelli oder Senesino wieder enormer Beliebtheit.

„Einmal begann ein Kind in einer der ersten Reihen zu lachen. Es war nicht gewohnt, einen Mann so hoch singen zu hören“, erzählt Philippe Jaroussky in einem Interview. Jaroussky, französischer Superstar der Countertenorszene, singt hoch. Höher als jeder Tenor – sogar Jonas Kaufmann oder Juan Diego Flórez – singen könnte, nämlich im angestammten Frauenregister. Und macht damit den Damen den Rang streitig. Etwa als er im Vorjahr bei den Salzburger Festspielen den Sesto in Händels „Giulio Cesare“ gab. Eine Hosenrolle, die der Komponist gar nie für einen Kastraten, sondern tatsächlich für eine Frau vorgesehen hatte.

Lange schon füllt Monsieur Jaroussky die Konzert- und Opernhäuser der Welt durch seine markante, oft als engelhaft beschriebene Stimme. Auch sein Debüt im Wiener Musikverein fand vor ausverkauftem Großen Saal statt (mit passendem Programm: „Caldara in Vienna“). Seit Countertenöre wie er in Alt-, Mezzosopran- und seltener sogar in Sopranlage auftreten, frischt auch die Barockmusik ungeheuer auf. Immer mehr Künstler arbeiten mit Musikwissenschaftern zusammen, graben in vergessenen Archiven und entdecken immer mehr Musik für das „Dritte Geschlecht“, wie Rossini die Kastraten nannte.

Keine rechtlichen vollwertigen Männer

Die Kastraten selbst waren eine Modeerscheinung ihrer Zeit. Als ungebrochene Superstars des 17. und 18. Jahrhundert erfuhr jeder einzelne von ihnen einen grausamen Start ins Erwachsenenleben. Da prinzipiell verboten, fanden Kastrationen immer im Heimlichen, in schmutzigen Winkeln und hinter verschlossenen Türen statt. Zu Hunderten wurde ihnen die Reproduktionsfähigkeit genommen – mit minimalem Erfolg. Viele der Jungen überlebten die kaum sterilen Eingriffe nicht. Den wenigen Glücklichen war im seltensten Fall eine große Opernkarriere bestimmt. Viel öfter mussten Sie ihr Leben als arme Chorsänger, im schlimmsten Fall als Prostituierte verbringen.

Durch ein Dekret Papst Sixtus V. aus dem Jahr 1587 (das so genannte Impotenzdekret) wurden die Sänger zudem rechtlich entmachtet. Da sie nicht über „wahren, aus dem Hoden fließenden Samen“ verfügten, durften sie nicht heiraten. Dass die Castrati trotzdem zahlreich in Kirchen, voran der Capella Sixtina und sämtlichen Opernhäusern tätig waren, verantwortete paradoxerweise ebenfalls die Kirche. Oben genannter Sixtus verbot 1588 Frauen in sämtlichen Theatern des Kirchenstaates aufzutreten. So wurden zwar Falsettisten und Knaben eingesetzt – ihre Stimmen aber reichten für Opernhäuser nicht aus. Die Kombination aus juvenilen Stimmbändern und den Lungenflügeln eines erwachsenen Mannes fand jedoch Gefallen beim Volk und füllte selbst die großen Theater.

 Musikwissenschaftliche Skepsis

Das Auge des Musikwissenschaftlers betrachtet es häufig skeptisch, wenn mit „Originalklang“ geworben wird, sobald ein Mann eine Kastratenpartie übernimmt. Klar waren Kastraten auch Männer – doch klangen sie völlig anders als die heutige(n) Falsetttechnik(en). Man muss sich dabei Knabenstimmbänder vorstellen, die mit der Kraft eines erwachsenen Mannes geblasen werden. Ein Countertenor ist somit musikhistorisch genauso eine Fehlbesetzung wie eine weibliche Sängerin. Und auch wenn Technik und stimmliche Fähigkeiten heute dazu reichen, Kastratenarien zu singen, „original“ werden sie wohl nie klingen. Zum Wohle der Männerwelt ein verzichtbarer Mangel.

Mit überdimensionalen stimmlichen Fähigkeiten ausgerüstet eroberten die Kastraten die Bühnen Europas – mit Ausnahme Frankreichs, wo der einzigartige Stimmklang nie so recht Gefallen fand. Doch sowohl am königlichen Hof in London als auch in Wien traten sie auf. Wolfgang Amadeus Mozart etwa schrieb sein berühmtes „Exsultate, jubilate“ für den Soprankastraten Venanzio Rauzzini. Paradoxerweise galten die Castrati auch als Sexsymbol – zur Erektion waren sie prinzipiell so fähig wie jeder andere Mann – und zogen damit nicht nur Frauen an.

Farinelli wiederentdeckt

Nachdem die koloraturreichen Gesänge Ende des 18. Jahrhunderts außer Mode geraten waren, findet die emotional opulente Musik erneut Anklang. Den Größten der Großen wurden in den letzten Jahren bereits einige CDs gewidmet. Der deutsche Altist Andreas Scholl brachte 2005 ein Album mit Arien für Senesino, Altkastrat unter den Diensten Georg Friedrich Händels, heraus. Ihm wurde etwa die Titelrolle in der beliebtesten Händeloper „Giulio Cesare in Egitto“ auf den Leib komponiert. Philippe Jaroussky betitelte eine CD mit „Carestini – The Story of a Castrato“.

Einen ungeheuer populären Tusch mit Kastratenarien legte auch eine Frau hin: Opernstar Cecilia Bartoli ließ auf ihrem Album „Sacrificium“ vergessene Klänge wieder auferstehen – allesamt wurden sie für Kastraten geschrieben. Die Bartoli wurde dafür (wieder) mit einem Grammy ausgezeichnet und verhalf der Kastraten-Musik zu großer Publicity.

Forschung auch für den Verkauf

Die jüngste, aktiv auf der Opernbühne stehende Countertenorriege stellt sich den unmenschlichen Herausforderungen der Arien von Farinelli und Co. immer öfter. Dem Beispiel der Bartoli folgend graben die Countertenöre tief in den Musikarchiven Europas.

  • Monsieur Jaroussky setzt in seiner neuen CD komplett auf Farinelli, den wohl berühmtesten aller Kastraten. Er interpretiert dabei ausschließlich Arien des Komponisten Nicola Porpora, der auch die Ausbildung Farinells übernommen hatte. Farinelli. Porpora Arias. EMI Classics/Erato, ab 16. September
  • Franco Fagioli, argentinischer Alleskönner. Unlängst ließ er seine Stimme bei einer Vorführung im Theater an der Wien in einer für Carestini geschriebenen Partie eine Kadenz vom kleinen G bis zum dreigestrichenen D schrauben. Er glänzt auf neuer CD mit Arien Caffarellis, einem Sänger, dem wohl aufgrund seiner unglaublichen Fähigkeiten eher wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Arias for Caffarelli. NAIVE, ab 13. September
  • Als absolut herausragend wird die Leistung des jungen australischen Countertenors David Hansen zu bezeichnen sein. In „Rivals“ interpretiert er Arien von Kastraten, die innerhalb einer Oper gemeinsam auf der Bühne standen und ihren Sängerkrieg ausfochten. Neun Arien – alle davon Welterstaufnahmen – präsentiert er auf dem Album, das von Koloraturgewalt fast überquillt. Emotionale Tiefe, technische Perfektion und stimmliche Meisterleistung; hier möchte man meinen, eine Ahnung der historischen Ausmaße der Kastraten zu bekommen. Allerdings mit biologisch völlig intakten Sexualorganen.

Wissenswert

Gioachino Rossini (1792-1868) selbst soll zum Sängerkastraten bestimmt gewesen sein, hätte seine Mutter nicht ein ernstes Wörtchen mitgesprochen. 1863, als virtuose Barockmusik lange nicht mehr der Mode entsprach, komponierte er seine „Petite Messe solenelle“ für „zwölf Sänger der drei Geschlechter“ und meinte damit ebenjene Castrati.

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