Fußabdruck und Notfallpatienten

Erschienen auf sunny7.at

Werner Lampert, Bio-Pionier der ersten Stunde und Vater der flächendeckenden Versorgung Österreichs mit Bio-Produkten, spricht im sunny7-Interview über nachhaltige, biologische Landwirtschaft, die Entwicklung von „Bio“ und die Versorgung einer fünfköpfigen Familie.

Sunny7: Wie kann man acht Milliarden Menschen biologisch, nachhaltig und kostengünstig ernähren?
Werner Lampert:
Das ist selbstverständlich möglich. Es geht dabei um eine vollkommen andere Art von Landwirtschaft, als sie jetzt betrieben wird. Wir leben zurzeit in einer Landwirtschaftsmethode und –politik, welche die Illusionen erzeugt, dass sie alle Menschen ernähren kann. Der Preis, der dafür bezahlt wird, die industriell betriebene konventionelle Landwirtschaft, arbeitet auf großen Flächen und betreibt puren Raubbau. Grund und Boden werden derart ausgebeutet, sodass sie in 20 oder 30 Jahren nicht mehr zur Verfügung stehen. Dort wird außer ein paar Disteln nichts mehr wachsen.
Nur ein anderer Umgang mit Boden kann die Grundlage sein, die Menschen zu ernähren. Wir müssen die Bodenqualität aufbauen und verbessern, wir müssen einen verantwortungsbewussten Umgang mit dem Wasser pflegen. Es gibt überhaupt gar keine Alternative. 70 Prozent des Süßwassers, die auf der Welt verbraucht werden, gehen in die Landwirtschaft. Der größte CO2-Emittent (32%) ist nicht Verkehr, Industrie oder Transport, sondern die Landwirtschaft. Die EU-Kommission weiß, dass es keinen Weg außer einer nachhaltigen Landwirtschaft gibt.

Davon sind Sie wirklich überzeugt?
Lampert:
Wir werden das in den nächsten Jahren erleben, in Europa ab 2014. Die Versorgungssicherheit von Lebensmitteln muss garantiert werden. Es wird nicht mehr heißen, wo auf der Welt wir die billigsten Lebensmittel herkriegen, sondern wie kommen wir überhaupt noch zu Lebensmitteln. Die konventionelle Landwirtschaft ist jetzt schon wie ein Notfallpatient, der im Spital an seinen Schläuchen hängt. Diese Schläuche sind die Petroindustrie im Düngerbereich und in den Spritzmitteln.

Muss das System zuerst kollabieren, um sich wieder aufrichten zu können?
Lampert:
Nein, es wird partiell kollabieren, aber das Gesamtsystem wird nicht zusammenbrechen. Das wunderbarste am Mensch ist, dass er trotz aller Beharrungskräfte und Destruktivität lernfähig ist. Deshalb leben wir noch, deshalb gibt es uns noch. Wenn klar ist, dass kapitale Interessen nicht mehr aus der konventionellen Landwirtschaft befriedigt werden können, werden das die ersten sein, die die Landwirtschaft radikal umstellen werden. Aber, es wird Druck von außen notwendig sein.

Wie hat sich die Gesellschaft in Österreich in punkto Nahrungsmittel entwickelt?
Lampert:
Als ich in Österreich in den 1970er Jahren zum ersten Mal mit biologischen Lebensmitteln zu tun hatte, da hatten 0,1 vielleicht nur 0,01 Prozent der Einwohner ein Interesse daran. Heute können wir sagen, dass sich um die 40 Prozent der ÖsterreicherInnen für biologische Lebensmittel interessieren, ständig oder immer wieder zu biologischen Lebensmitteln greifen.

Wie haben sich die Lebensmittel per se verändert? Was stand 1970 für Bio und was steht jetzt für Bio?
Lampert:
Die konventionellen Lebensmittel sind industrialisierter geworden. Dort hat sich ein Qualitätsverständnis entwickelt, das sich auf die Abwesenheit von Produktfehlern reduziert. Die biologische Landwirtschaft hat so um die Jahrtausendwende begonnen, sich der konventionellen Landwirtschaft anzunähern. Es werden auch von außen zugeführte, schnell lösliche Stickstoffe organischer Art eingesetzt. Da kommt es nicht so sehr darauf an, wie weit du dich als Landwirt mit dem Handwerk auseinander gesetzt hast. Wenn du Ertragsnöte hast, setzt du einfach organischen Stickstoff von außen zu, wie Federmehl oder Melasse (ein Abfallprodukt der Zuckerindustrie). Aber das ist kein Weg in die Zukunft. Das ist ein Weg in den Mehrertrag.

15 Prozent der österreichischen Bauern produzieren biologische Produkte und nutzen dabei 18,5 Prozent der Landwirtschaftsfläche. Was denken Sie über diese Zahlen?
Lampert:
Zuerst bin ich frustriert. Herrgott, es sind nur 15 Prozent, nur 18 Prozent der Fläche. Dann denke ich, dass uns noch viel Arbeit bevor steht.

Das Lebensministerium rühmt sich damit, Österreich sei weltführend im Bio-Landbau. Sollen wir dann nicht eher in anderen Ländern ansetzten, weil wir eh schon so gut sind?
Lampert:
Wir müssen weit besser werden. Die Bio-Bewegung an sich ist stecken geblieben. Wenn Sie die Zahlen der letzten 20 Jahren ansehen, haben wir damals eine andere Perspektive gehabt. Die biologischen landwirtschaftlichen Erzeugnisse konnten nicht immer zu einem Mehrpreis an den Kunden gebracht werden. Die Nachfrage hat immer wieder Einbrüche gehabt. Und deshalb ist die Entwicklung stehen geblieben.

Wenn ich vor dem Gemüseregal stehe und es gibt Bio-Paradeiser aus Süditalien und konventionelle Paradeiser aus dem Marchfeld. Was soll ich nehmen?
Lampert:
Mit dem Modell der Nachhaltigkeit möchten wir mehrere Sachen aufzeigen. In die Landwirtschaft werden Pestizide eingebracht, die unser Wasser, unsere Felder und unsere Umwelt vergiften. Wenn wir unsere Kulturlandschaft ansehen, leben wir davon, dass sie sehr vielgestaltig ist, wir nennen das Bio-Diversität. Es geht auch um die wirtschaftlichen Verhältnisse. Kann dieses System in Zukunft wirtschaftlich sinnvoll betrieben werden? Wird das Wissen und die Erfahrung, wie Landwirtschaft betrieben werden muss, weitergegeben? Das ist für mich Nachhaltigkeit. Eine Landwirtschaft, die sich diesem Begriff verpflichtet, ist für mich eine, die gefördert werden muss. So würde ich diese beiden Dinge miteinander abwägen.

Aber wie sollen sich die Konsumentin wirklich entscheiden? Das eine Produkt ist regional, aber nicht biologisch, das andere biologisch, dafür hat es 400 km an Wegstrecke zurückgelegt.
Lampert: Dann soll sie nach dem Geschmack entscheiden. Der Paradeiser, der besser schmeckt, ist es wert, gekauft zu werden.

Es gibt unheimlich viele Bio-Marken auf dem Markt. Ich habe hier ein Foto von Weintrauben, die von einer Bio-Marke stammen. Die wurden in den Kühlschrank gestellt und dort vergessen. Wie alt denken Sie, sind diese Weintrauben?

Bio-Weintrauben

3 Monate alte Bio-Weintrauben (c) Günter Stummvoll


Lampert:
Einen Monat

Sie sind drei Monate alt.
Lampert:
Lacht.

Der Käufer dieser Weintrauben hat diese Bio-Marke seither nie wieder konsumiert. Zurecht?
Lampert:
Das ist ein Missverständnis. Ich habe Freunde in Sizilien, die seit 1971 nach dem Demeter-Verfahren anbauen (eine Anbauweise, mit der nach antroposophischer Philosophie Produkte biologisch-dynamisch erzeugt werden, Anmerkung der Redaktion). Im Herbst habe ich von denen früher ein paar Steigen Trauben gekauft, diese ausgelesen und im Keller auf Holzwolle gelagert. Ich habe zwei, drei Monate von diesen Trauben gegessen. Sie sind auch nicht gespritzt worden.

Die Trauben auf dem Foto wurden allerdings in der Plastikbox im Kühlschrank gelassen.
Lampert:
Also der Plastikbehälter ist meist der Grund, warum Trauben schnell faul werden. Sie beschlagen mit Kondenswasser und faulen dahin. Ich hätte Ihnen jede Garantie gegeben, dass sie innerhalb eines Monats schimmlig und faul werden. Woher waren diese Trauben?

Aus Italien.
Lampert:
Die sind mit einem Fungizid behandelt worden, nehme ich an.

Was sagt das über die Bio-Marken und –siegel aus?
Lampert:
Ich bin Bio gegenüber auch sehr skeptisch, weil ich viele Fehler sehe. Wir müssen ein paar Sachen trennen: Wenn man in Österreich ein österreichisches Lebensmittel kauft, das mit Bio gekennzeichnet ist, dann kann man davon ausgehen, dass es wirklich biologisch ist. Die Kontrolle und Zuverlässigkeit ist hier sehr groß. In Italien gibt es zumindest 700.000 Tonnen Lebensmittel, die konventionell produziert wurden, aber auf betrügerische Art und Weise zu Bio zertifiziert worden sind. Dass es in Italien Probleme mit Zertifikation und Kontrollstellen gibt, ist schon sehr lange bekannt. Die österreichischen Bio-Bauern sind eine Community geworden, die aufeinander achtet, man ist der Qualität verpflichtet.

Bio-Produkte – vor allem Bio-Fleisch – sind meistens teuer. Eine Familie mit drei Kindern, die vom Gehalt des Vaters lebt, während die Mutter zu Hause ist, kann sich diese teuren Produkt oft nicht leisten.
Lampert:
Doch, das geht sich locker aus. Und selbst wenn sie in Wien wohnt, hat sie Möglichkeiten, selbst etwas anzubauen. Die Frau kann sich ein Feld mieten und dort biologische Lebensmittel anbauen: Erdäpfel, Zwiebel, Karotten, Kohlrabi, Salat. Und sie hat ein prächtiges, wunderbares Leben. Die Kinder können der Mutter helfen und begreifen, dass Lebensmittel nicht im Supermarkt, sondern auf Feldern wachsen und die frischesten, besten Lebensmittel kommen auf den Tisch.

Das ist doch illusorisch zu denken, in einer Stadt wie Wien könne sich jede Bürgerin ihr Gemüse selbst anbauen. Auch das Wissen über den Anbau ist nicht vorhanden.
Lampert:
Dort, wo man diese Felder pachten kann, berät der Verpächter, der viel Ahnung von biologischer Landwirtschaft hat. Auch die Nachbarschaftshilfe funktioniert. Das Wissen ist kein Problem – die Frau wird sicher unterstützt. Ich kann nur raten, es einfach zu versuchen – und dann werden Wunder passieren. Vielleicht haben die Kinder Spaß daran. Zwei Mitarbeiter von mir, die Felder pachten, haben ein anderes Problem: Sie leben im Überfluss dieser biologischen Lebensmittel und wissen gar nicht, wohin damit.

Und wie soll das mit der Kapazität gehen? Da braucht man ja insgesamt eine Fläche von der Größe des Waldviertels.
Lampert:
Natürlich wird das nicht jeder machen. Es wird jene geben, die das einkaufen und welche, die anbauen. Ich glaube, es geht nicht nur um die finanziellen Angelegenheiten. Wenn es irgendwie nur möglich ist von der Zeit her, sollte jede Familie mit Kindern ein Feld pachten und Gemüse anbauen. Das ist psychologisch wunderbar und eine Erfahrung, die das Kind das ganze Leben nicht verlieren wird.

Wie kann ein Bio-Milchbauer von seinen Produkten leben? Bio-Milchprodukte sind so billig wie konventionelle Produkte.
Lampert: Diese Frage kann ich nicht beantworten. Bei der „Heumilch“ von „Zurück zum Ursprung“ bekommt jeder Bauer 10,63 Cent pro Kilo mehr als der konventionelle Preis. Und es wird die gesamte „Heumilch“ abgenommen.

Träumen Sie davon, in einen Supermarkt zu gehen und nur biologische Produkte vorzufinden, auch in großen Supermarktketten?
Lampert:
Ich fand die Mischung von Bio und konventionell spannend. Und, dass die Kunden die Wahl haben. Und wenn da Bio gut funktioniert, zeigt es, dass Bio einen Mehrwert hat.

Was ist das besondere an „Zurück zum Ursprung“?
Lampert:
Biologische Landwirtschaft ist per se nicht mehr nachhaltig. Wir versuchen, die Landwirtschaft mit unseren Richtlinien dahin zu entwickeln, dass sie wirklich nachhaltig ist. Ich bin außerdem ein großer Anhänger von Transparenz – insofern muss jedes unserer Produkte bis zum Bauern, nachvollziehbar sein. Zusätzlich kommen alle unsere Produkte aus einer gelebten Regionalität. Wir haben „Heumilch“ aus den Kitzbüheler Alpen und aus Murau, Äpfel aus zwei kleinen Gebieten in der Steiermark. Wir versuchen, jedes einzelne Produkt einer bestimmten Region zuzuordnen.

Wo liegt der Vorteil beim Vertrieb über einen Diskonter?
Lampert:
Ich spreche jetzt nur von unserem Projekt: Wenn du ein Qualitätsprojekt machen willst, gibt es keine andere Möglichkeit als über einen Diskonter. Diese Märkte haben ihre Kosten so gut in der Hand. Logistik, Infrastruktur und Verwaltung sind optimal. So kann er einen Mehrpreis für die Rohware an den Bauern zahlen und trotzdem günstig sein. Wirkliche Qualitätsarbeit konnte ich nur bei diesem Diskonter machen. Im normalen Lebensmittelhandel wäre das unbezahlbar geworden.

Passiert auf nationaler und EU-Ebene genug in Bezug auf Bio?
Lampert:
In den letzten Jahren ist mehr als genug getan worden im Fördersystem. Die Bauern haben in einem guten Land, in einer guten Zeit, in einer guten EU gelebt. Ich weiß nicht, wie das 2014 weitergehen wird. Aber momentan gibt es ein sehr gutes Umfeld. Wenn ich bedaure, dass es nicht noch mehr Bio-Bauern sind, dann hängt es ganz sicher nicht mit dem Umfeld, also den Förderungen, zusammen. Dass Österreich so einen Bio-Boom in den 1990er Jahren hatte, war nicht so sehr über die Supermärkte oder über die vermehrte Nachfrage der Konsumenten verursacht, sondern weil die Fördersysteme für die biologische Landwirtschaft so optimal wurden. Ich denke, die Bauern müssen zufrieden sein.

Das Buch von Clemes G. Arvay mit dem Titel „Der große Bio-Schmäh“ ist jüngst erschienen. Haben Sie das schon gelesen?
Lampert:
Nein.

Werden Sie es lesen?
Lampert:
Nein.

Warum nicht?
Lampert:
Also, was in Österreich als biologisches Lebensmittel verkauft wird, ist auch eines. Da gibt es eine Gewährleistung. Die Systeme sind gut, die Bäuerinnen und Bauern sind gut, da wird sehr sorgfältig gearbeitet. Wenn jemand in Österreich vom Bio-Schmäh redet, dann denke ich, dass er ein narzisstisches Problem hat, aber keine Wirklichkeit abbildet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s