Höhepunkt Kirchenoper: Das Verdi-Requiem ausdrucksschwanger

Erschienen im Konzerthaus-Magazin

Während die allgemeinen Wagner-Geburtstags-Festspiele langsam abklingen, beginnt das Verdi-Jahr erst richtig zu dröhnen. So auch am 29. Mai 2013 im Großen Saal mit der Messa da Requiem, einem Gastspiel des Teatro Regio Torino.

Originalklang bedeutet, wenn Bach und Corelli auf zeitgenössischen Instrumenten des 17. Jahrhunderts gespielt werden. Oder aber, das Orchestra Teatro Regio Torino spielt unter Gianandrea Noseda seine Interpretation der Messa da Requiem von Giuseppe Verdi. Auch dem an manchen Stellen arg wuchtig klingenden Chor (ebenfalls des Teatro Regio) verdankt die Aufführung ihre theatralische Wirkung. Originalgetreuer kann Verdi nicht klingen.

Wohl, für die Einpassung in die christliche Liturgie dürfte das schwerwiegende Requiem weniger geeignet sein, etablierte sich auch schon früh der Begriff der «Kirchenoper». Selbst wenn Giuseppe Verdi vielfach auf die Andersartigkeit des Charakters seines geistlichen Werkes hingewiesen hat.

Mit der Messa da Requiem gelang dem Komponisten trotzdem ein großer Coup abseits seiner Bühnenwerke. Selbst die hartnäckigsten Klassikmuffel blicken während des Libera me oder Dies Irae wissend auf. Finden diese beiden Teile sogar Eingang in die Originalsoundtracks – tatsächlich beinah unzähliger – großer Filmproduktionen: Von Harry Potter über Stephen Frears Meisterwerk «Die Queen» zu schaurigen Blockbustern wie Tarantinos «Jango unchained».

Der besonderen Rezeptionswirkung, die von klassischer Musik ausgeht, bedienen sich aber nicht nur Regisseure. Mozarts Werk etwa wurde vielfach auch vonseiten der Medizin eine entspannende und demnach auf sanfte Weise heilende Wirkung nachgesagt. Nun, Verdi mag weder auf Heilung noch Entspannung angesetzt haben, als der geniale Komponist seine Totenmesse ersann. Hörte man das dröhnende Requiem tatsächlich während einer Liturgie, bei der ein geliebter Mensch verabschiedet wird; die Emotionen könnten fürchterlicher nicht ausfallen. Schon ohne einen tatsächlichen Tod beklagen zu müssen, verlässt man den Konzertsaal mit einem Gefühl der inneren Beklemmung und des Aufgewühlt-seins. Und fragilere Teile, etwa der Unisono-Anfang des Agnus Dei, dienen nur dem Aufbau der Spannung.

Während der Großteil der Oratoriensänger mit dem Ternorsolo sichtlich überfordert wäre, klingt Franceso Melis opernerprobtes Organ bis zum Schluss souverän. Sonia Ganassi in der Altpartie macht mit ihrer Höhe wett, was ihr an Kraft, nicht jedoch an stimmlichem Glanz, in der Tiefe fehlt. Kristin Lewis, Ersatz für die erkrankte Starsopranistin Barbara Frittoli, agiert auch auf der Requiem-Bühne als hervorragende Verdi-Interpretin. Umwerfend schön ist die Bassrolle mit Ildar Abdrazakov besetzt. Die Solisten und das Orchester toben phrasenweise so entfesselt, dass es keinem auffällt, wenn eine blonde Choristin ganz rechts außen unhörbar, aber sichtlich voller Emotionen ein Alt-Solo mitahmt.

Verdi abseits von Traviata-Kitsch und Nabucco-Überschwänglichkeit – so mag man den Italiener am liebsten. Das Publikum geht d’accord. Stehende Ovationen

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