„Man fühlt sich demütig“

Erschienen im Wiener Wissenschaftskompass.

Bernhard Kerres, Intendant des Wiener Konzerthauses, hat sich für die Jubiläumssaison viele Besonderheiten überlegt. Im Interview mit Günter Stummvoll spricht der Intendant über seine Abschiedssaison.

Das Wiener Konzerthaus spielt seine 100. Saison. Mit welchem Gefühl erfüllt Sie das?

Es ist wahnsinnig schön, Intendant des Hauses sein zu dürfen. Man fühlt sich sehr demütig, weil das doch reiner Zufall ist, zu dem Zeitpunkt Intendant zu sein. Das Haus steht im Vordergrund und das ist das Wichtigste. Man soll die Tradition und gleichzeitig die Zukunft feiern. So haben wir hier Gelegenheit Dinge zu tun, die man in normalen Saisonen nicht macht.

Was ist das?

Wir werden nie vier große philharmonische Orchester von internationalem Rang innerhalb weniger Wochen in Wien hören. Wir haben den Kompositionswettbewerb für junge Komponistinnen und Komponisten mit Aufführung aller Werke. Es gibt einen großen Auftrag an Aribert Reimann, vor der Neunten Beethoven etwas Neues zu schreiben. Es gibt das Projekt „Junge Blogger“, wo zehn junge Musikwissenschafter Konzerte rezensieren. Damit nutzen wir die neuen Medien und wir sehen, wie diese Generation über Konzerte reflektiert.

Worauf freuen Sie sich noch ganz besonders in der kommenden Saisonhälfte?

Die Festwochen, bei denen Marc Minkowski zum ersten Mal die Wiener Philharmoniker mit einem klassischen Programm dirigieren wird. Ich freue mich, die Berliner Philharmoniker hier im Haus zu haben, auf Valerij Gergiev, der mit Schostakowitsch im letzten Jahr so viel bewegt hat. Ich freue mich auf Gustavo Dudamel, der das Jubiläumskonzert dirigieren wird.

Wien ist eine Hochburg der Musik. Wie sehr ist es eine Stadt der Wettkämpfe?

Wien ist eine absolut erstaunliche Stadt. Es gibt mehr Besucher klassischer Musik in absoluten Zahlen als in jeder Stadt: rund 10.000 jeden Abend in den verschiedenen Opernhäusern und Konzertsälen. Klassische Musik ist in dieser Stadt so wichtig, dass sie sogar Schlagzeilen von Boulevardzeitungen machen kann. Diese Begeisterung, die unser Publikum für die Musik hat, prägt natürlich das Miteinander der verschiedenen Veranstalter.
Da ist Konkurrenz nicht wirklich notwendig. Im Gegenteil – die drei großen Opernhäuser und zwei großen Konzerthäuser unterscheiden sich in ihrer Art und Weise sehr voneinander. Und das ist ganz positiv.

Was unterscheidet das Konzerthaus von den anderen?

Großartige Qualität haben wirklich alle. Wir haben das breiteste Musikangebot aller Häuser. Sowohl in der Klassik – von großen Symphonieorchestern bis zur Kammermusik und Lied – aber auch Jazz, World, Literatur, Film und Musik. Außerdem die Offenheit des Hauses. Ob mit der Brunnenpassage oder mit den Wiener Sängerknaben und der Caritas.

Vorteil durch breites Spektrum oder Nachteil durch fehlende Spezialisierung?

Wir sind einer der größten Konzertveranstalter weltweit. Mit nur 100 Veranstaltungen könnte man über eine Spezialisierung nachdenken. In diesem Haus finden aber über 800 Veranstaltungen pro Jahr statt. Das zu spezialisieren wäre nicht gut. Das wäre, als würde Volkswagen nur mehr den Golf bauen.

800 Mal Bachkantaten.

Ich bin sehr dafür, die so oft zu spielen, aber es wäre nicht sinnvoll.

Zur Person
Bernhard Kerres ist ausgebildeter Opernsänger, wechselte aber nach einem späteren Wirtschaftsstudium von der Bühne ins Büro und war vor seiner aktuellen Tätigkeit Finanzdirektor bei Kapsch und Geschäftsführer bei der deutschen M-Tech AG. Seit 2007 bis zum Ender dieser Saison ist er Intendant des Wiener Konzerthauses.

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