„Die Sterblichkeit des Menschen beträgt 100 Prozent“

Erschienen im Wiener Wissenschaftskompass

Irgendwann ist es aus. Denn jeder Mensch ist zum Sterben verdammt. Manche früher, manche später. Für den Allgemeinmediziner Günther Loewit steht jedoch die Lebensqualität und nicht immer die -dauer im Vordergrund.

In Ihrem neuesten Werk kritisieren Sie viele Dinge an unserem Gesundheitssystem und an der Art, wie Medizin ausgeübt wird. Was ist das Gute an der Medizin?

Menschen zu begleiten. Ganz ein wesentlicher Aspekt der Medizin ist eine Menschen- und Personenbezogene Hilfestellung. Es geht nicht darum, ein Wirtschaftssystem aufzubauen. Die Medizin an sich ist schon in Ordnung. Aber sie spielt nur eine untergeordnete Rolle.

Welche Probleme hat die Medizin?

Mich stört die Anmaßung, die Medizin muss für jedes Problem der Gesellschaft und des Individuums eine passende Lösung in Form von Tablette oder Operation haben. Ich mache immer wieder die Beobachtung, dass nicht die Leute krank, sondern die Forderungen an die Menschen zu groß sind. Wenn man mit dem Flammenwerfer gegen eine Holzwand fährt und sich wundert, dass die brennt, kann man nicht sagen, dass das Holz schlecht, sondern der Flammenwerfer einfach schuld ist.

Auch die Pharmaindustrie wird kritisiert.

Ich möchte das mit großem Respekt tun. Die Pharmaindustrie hat einen riesigen Anteil an unserem gesundheitlichen Wohlstand und an der Ausrottung verschiedener Krankheiten. Sie hat viel Gutes getan, ist aber mittlerweile zu einem Wirtschaftssystem verkommen. Ich selbst bin froh darüber, keine Hausapotheke zu haben. Trotzdem liege ich mit meinen Verschreibungen nur marginal unter dem Schnitt.

Das heißt, Ärzte verordnen nicht zu viel?

Prinzipiell glaube ich, dass wir alle viel zu viele Medikamente verschreiben. Auch ich. Wahrscheinlich zwei Drittel zu viel.

Was könnte man einsparen?

Beispiel Gastritis. Faktoren sind Stress, Rauchen, Alkohol, unregelmäßiges Essen, schlechte Essensqualität, Ehe- und Jobprobleme und noch zig mehr. Was machen wir? Wir stecken einen Schlauch die Speiseröhre runter, extrahieren den Helicobacter [ein gramnegatives Stäbchenbakterium, Anm.] und verschreiben Pantaloc [ein Magenschoner, Anm.] in der doppelten Standarddosis. Dann noch zwei Antibiotika und wir glauben, die Gastritis verschwindet. Mein Ansatz wäre, Übergewicht und Rauchen reduzieren, Mahlzeiten in die richtige Reihenfolge bringen, Misere im Job oder in der Beziehung lösen.

Man kann sich aber nicht für die Heilung jedes Patienten so viel Zeit nehmen.

Wenn Sie das Geld, das die Medikamente kosten würde, dem Arzt zahlen, dann hätte jeder Arzt mindestens eine Stunde Zeit pro Patient.

Sie kritisieren Magensonden, neue Medikamente und fortschrittliche Technologie, weil dadurch neue Krankheiten entstehen. Soll der Fortschritt gestoppt werden?

Nein, auf gar keinen Fall. Ich bin ein begeisterter Betreiber der Schulmedizin. Ich wehre mich nur gegen den Missbrauch. Die moderne Medizin, die so viele Leben retten kann, die früher nicht zu retten waren, kostet Leben, die früher nicht gestorben wären. In Österreich versterben jährlich 2600 Personen an Nosokomialen Infektionen, das sind Krankenhauskeime, die antibiotisch nicht mehr beherrschbar sind. Weil wir auch jedem, der hustet, ein Antibiotikum verschreiben! Menschen sterben einfach am Ende ihres Lebens. Auch ich werde sterben. Die Sterblichkeit des Menschen beträgt 100 Prozent. Da können wir Ärzte Kopfstände machen, dieses Faktum aber nicht ändern. Wir können nur mitspielen, wann und wie jemand stirbt.

Bringt die Medizin mehr Menschen um, als sie rettet?

Nein. Das Gleichgewicht verschiebt sich nur. Mit meinen Patienten bespreche ich die Lage. Wenn bereits Knochen- oder Lebermetastasen da sind, dann ist auch hochpreisige Chemotherapie oft nicht mehr empfehlenswert. Sobald ich selbst einmal sterbenskrank werde, verzichte ich auf die Lebensverlängerung von sechs Wochen. Mir werden nicht die Haare ausgehen, ich werde mich nicht von früh bis spät übergeben. Und dafür ich selbst bleiben.

Zur Person
Der Arzt und Schriftsteller Günther Loewit wurde 1958 in Innsbruck geboren, lebt und arbeitet als Allgemeinmediziner in Marchegg in Niederösterreich. Neben seinen Publikationen in der Fachpresse veröffentlichte er auch belletristische Werke. So etwa in seinem letzten Werk „Wie viel Medizin überlebt der Mensch“ – Haymonverlag.

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